Die Reichstagskuppel

Wollten Sie schon immer mal erfahren wie der Ring auf die Kuppel des Berliner Reichstagsgebaeudes gekommen ist? Er ist im ersten Bild dargestellt.

Nach der Wiedervereinigung der beiden Deutschen Staaten bestand die Aufgabe, das 1894 in Berlin errichtete Reichstagsgebaeude bis 1999 zum Sitz des Deutschen Bundestages umzubauen. Die Arbeiten dazu wurden im Auftrag der Bundesrepublik Deutschland durchgefuehrt und an eine Reihe von Planern und Bauleitern uebergeben. Die Planung der Aerodynamik und der Lueftung des Systems Kuppel-Plenarsaal uebernahm 1996/97 die Technische Universitaet Dresden. Dabei wurden sowohl numerische Stroemungssimulationen als auch experimentelle Untersuchungen im Windkanal durchgefuehrt. Vor dieser Variante gab es sehr viele Entwuerfe und Studien, die ihren Schwerpunkt aber in der generellen Frage der Form und Funktion einer Kuppel auf dem Reichstagsgebaeude hatten. Im zweiten Bild ist die vorletzte Planungsvariante der Kuppel dargestellt.  Es wurde von mir in einem Masstab 1:60 aus Flugzeugsperrholz, GFK und Edelstahl als Modell fuer die Windkanaluntersuchungen hergestellt. Allein das manuelle Anfertigen und Anbringen der genau 600 kleinen Glasschindeln bleibt bei mir in lebendiger Erinnerung.

Die vorletzte Variante der Kuppel hatte zunaechst keinen Ring auf der Oberseite, hatte aber eine offene Schuppenoberflaeche. Diese war zwar geeignet den Regen abzuhalten, jedoch wurde die Kuppel auf Grund der offenen Bauweise ungehindert durchstroemt. Das hatte sowohl negative Auswirkungen auf die Behaglichkeit der Besucher der Kuppel als auch auf die Entlueftung des unter der Kuppel gelegenen Plenarsaales. Verbesserungen erreichte man mit einer geschlossenen Kuppeloberflaeche. Dazu musste der Zwischenraum zwischen den einzelnen Schuppen geschlossen werden. Es gab jedoch weiterhin das Problem, dass der Abluftstrahl aus dem inneren Trichter bei verschiedenen Windrichtungen und Windgeschwindigkeiten direkt auf der Kuppeloberflaeche auflag. Das wuerde bei Frost dazu fuehren, dass die Kuppel an diesen Stellen vereist. Der einfachste Weg bestand in der Erhoehung der Abluftgeschwindigkeit, was jedoch mit einem hohen Geraeuschpegel bezahlt werden muesste.

Darum waehlte man den anspruchsvolleren Weg und untersuchte die Aerodynamik der Kuppel im oberen Austrittsbereich naeher. Dabei wurden auch die Ideen vieler am Projekt beteiligter Mitarbeiter einfach ausprobiert und auf ihre Tauglichkeit hin untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass das Anbringen eines kleinen Pappringes oberhalb der Kuppel zu einer Verbesserung der Ausstroemung fuehrte. Der Abluftstrahl lag nicht mehr an der Kuppeloberflaeche an. Das Ziel war zunaechst erreicht. Bei der allerletzten Variante der Kuppel, die im dritten Bild dargestellt ist, sind alle Erkenntnisse aus der vorletzten Variante eingearbeitet.

Jedoch stand die entgueltige Form und Position des Windabweiserringes noch nicht fest. Bei den Windkanaluntersuchungen montierte man nacheinander drei verschiedene Ringe in verschiedenen Hoehen auf dem Modell der Kuppel. Die ersten beiden Ringe wurde mit hohen Aufwand aus Plastik hergestellt. Nur beim dritten Ring musste auf Grund der knappen Zeit eine einfachere Variante gefunden werden. So suchte ich in meiner Umgebung nach Koerpern und Gegenstaenden, aus denen ich den Ring einfach herstellen koennte. Da waren einige Verkaeuferinnen in verschiedenen Haushaltslaeden sehr erstaunt, als ich mit Winkelmesser und Messchieber interessante Gegenstaende des Warenangebot pruefte. Ich war auf der Suche nach Untersetzern, Tellern und aehnlichen runden Dingen. Jedoch fand ich keine in Frage kommenden Gegenstaende, aus den sich der letzte Ring herstellen lassen koennte.

Nach 2 Stunden Suche brach ich ab und war auf dem Heimweg, als ich vor der Wohnungstuer den Futterteller unserer Katze sah. Er hatte genau den richtigen Durchmesser und der Winkel des Randes stimmte auch genau. Also drehte ich von dem Teller den Rand ab und montierte in auf der Kuppel. Dieser dritte Ring fuehrte zu den besten Ergebnissen bei den abschliessenden Untersuchungen im Windkanal der Technischen Universitaet Dresden. Seine Geometrie und seine Position wurde von den ausfuehrenden Firmen fuer das Original uebernommen.

Und beim Anblick des Berliner Reichstages sehe ich immer zuerst den Ring auf der Kuppel. Es ist der Rand eines Katzentellers.
 

© 2000 Klaus - Peter Neitzke